Integrative Schule: Ist die Zeit reif für eine Kurskorrektur im Kanton Schwyz?
Die Kritik an der integrativen Schule wird lauter. Eine schweizweite Befragung von mehr als 10’000 Lehrpersonen zeichnet ein ernüchterndes Bild: Die Lehrerschaft ist tief gespalten, die Belastung hoch und ein erheblicher Teil der Befragten stellt negative Auswirkungen auf Unterricht und Leistungsniveau fest. Eine Interpellation verlangt nun vom Schwyzer Regierungsrat Antworten.

Im Zentrum steht die Frage, ob der bisherige Grundsatz «Integration vor Separation» angesichts der jüngsten Erkenntnisse noch zeitgemäss ist – oder ob Förder-, Klein- und Spezialklassen künftig wieder eine stärkere Rolle spielen sollen.
Auslöser ist eine vom Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) in Auftrag gegebene und vom Forschungsinstitut GFS Bern durchgeführte Befragung von über 10’000 Lehrpersonen. 83 Prozent geben an, ihre Arbeitsbelastung habe durch die integrative Schule zugenommen. 81 Prozent fühlen sich durch herausforderndes Verhalten stark belastet. 71 Prozent sind der Ansicht, leistungsstarke Schülerinnen und Schüler würden nicht ausreichend gefördert, 52 Prozent stellen ein gesunkenes Leistungsniveau fest. Rund die Hälfte beurteilt die integrative Schule als gescheitert. Besonders kritisch äussern sich Lehrpersonen der Sekundarstufe und solche, die Kinder und Jugendliche mit starken Verhaltensauffälligkeiten unterrichten.
Der LCH sieht einen grundlegenden Zielkonflikt. Probleme, die auf Ebene der Bildungspolitik, Schulorganisation oder Schulleitungen gelöst werden müssten, würden zunehmend in die Klassenzimmer verlagert. Dort sollen Lehrpersonen gleichzeitig unterschiedliche Leistungsniveaus, Lernschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten auffangen und einen geordneten Unterricht gewährleisten.
LCH-Präsidentin Dagmar Rösler wertet die Spaltung der Lehrerschaft als Warnsignal und fordert «schleunigst eine Kurskorrektur». Bei starken Verhaltensauffälligkeiten müsse es möglich sein, Schülerinnen und Schüler auch länger aus einer Regelklasse herauszunehmen. Sonderschulen und andere separative Angebote seien weiterhin notwendig.
Regierung hielt bisher an Integration fest
Im Kanton Schwyz ist die Diskussion nicht neu. Mit dem Postulat P 19/25 «Wie weiter mit der integrativen Förderung an der Volksschule?» wurde der Regierungsrat bereits aufgefordert, das bestehende System kritisch zu überprüfen.
In seiner Antwort vom 13. Januar 2026 sah er jedoch keinen Anlass für einen umfassenden Bericht. Er verwies auf die bestehenden Instrumente der integrativen Förderung, besondere Klassen, verstärkte Massnahmen und die seit dem Schuljahr 2025/26 mögliche Förderklasse. Am Grundsatz «Integration vor Separation» hielt die Regierung fest.
Die neue Interpellation stellt die Frage, ob diese Einschätzung nach den Ergebnissen der LCH/GFS-Erhebung noch Bestand haben kann. Die Regierung soll auch offenlegen, ob eigene Daten aus den Schwyzer Schulen zur Arbeitsbelastung, Unterrichtsqualität, zu Verhaltensauffälligkeiten und zur Leistungsentwicklung vorliegen. Falls nicht, wird gefragt, ob der Regierungsrat bereit ist, eine entsprechende Erhebung durchzuführen.
Förderklassen auf dem Prüfstand
Ein Schwerpunkt liegt auf den seit dem Schuljahr 2025/26 möglichen Förderklassen. Der Regierungsrat soll bekannt geben, wie viele solcher Klassen bestehen, wie viele Schülerinnen und Schüler sie besuchen, welche Erfahrungen damit gemacht wurden und welche Schulträger weitere planen. Gleichzeitig wird gefragt, ob Gemeinden und Bezirke bessere Rahmenbedingungen erhalten sollen, um Förder- und Kleinklassen einfacher einzurichten.
Die Interpellation fordert keine generelle Rückkehr zum früheren System separierter Klassen. Sie stellt jedoch den Grundsatz infrage, wonach Integration grundsätzlich Vorrang haben soll. Entscheidend müsse sein, welche Unterrichtsform für das betroffene Kind und die gesamte Klasse tatsächlich die beste Lösung darstellt.
Besonders im Fokus stehen erhebliche Verhaltensprobleme. Wenn einzelne Schülerinnen oder Schüler dauerhaft einen grossen Teil der Aufmerksamkeit einer Lehrperson beanspruchen, hat dies Auswirkungen auf die ganze Klasse. Die Interpellation fragt deshalb, ob solche Kinder und Jugendlichen häufiger und früher zeitweise oder dauerhaft in Förder-, Klein- oder Spezialklassen unterrichtet werden sollten.
Auch leistungsstarke Kinder werden ausdrücklich thematisiert. Dass 71 Prozent der befragten Lehrpersonen deren Förderung als ungenügend beurteilen, gehört zu den brisantesten Ergebnissen der Erhebung.
Zehn Fragen an den Regierungsrat
In zehn Fragen soll der Regierungsrat unter anderem erklären, ob er seine bisherige Haltung neu beurteilen will und ob «Integration vor Separation» weiterhin für sämtliche Schulstufen und Problemstellungen als pädagogisch beste Lösung gilt.
Weiter soll er darlegen, unter welchen Voraussetzungen er bereit wäre, stärker auf separative oder teilseparative Modelle zu setzen. Dahinter steht eine grundsätzliche Frage: Soll die möglichst weitgehende Integration weiterhin das übergeordnete Ziel sein – oder soll stärker danach entschieden werden, welche Unterrichts- und Förderform im konkreten Fall für das einzelne Kind und die Klasse funktioniert?
Die Ergebnisse der schweizweiten Lehrerbefragung geben der Diskussion neue Nahrung. Nun muss der Regierungsrat darlegen, ob er am bisherigen Schwyzer Kurs festhält oder angesichts der Erfahrungen aus den Schulzimmern eine Kurskorrektur in Betracht zieht.
